Präsentation der Ortsgruppe Freiburg zum Buch „Frauen und Revolution“ von Shila Behjat

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SLIDE BAHAI ZITAT VOGEL
Zuerst einmal zur Beruhigung der Männer: „Nicht alle Männer
sind Diktatoren, aber alle derzeitigen Diktatoren sind Männer.“
In einer Zeit, in der Autokratien auf dem Vormarsch sind, in der
Demokratien unterwandert und ausgehöhlt werden, und in der
bereits Erstrittenes gerade für Frauen, plötzlich wieder auf dem
Spiel steht. Wo Hass, Unmenschlichkeit, Aggressionen und
Kriege tief in das Leben und den Alltag so vieler Menschen
eingreifen. Inmitten dieses Klimas sind binnen fünf Jahren an
vier verschiedenen Orten dieser Erde Demokratiebewegungen
auf den Plan getreten, an deren Spitze Frauen stehen – Im Iran
und in Belarus, in Polen und im Sudan. Die Bewegung, die
diese Frauen anführen, bieten darüber hinaus eine Vision an,
wie die Welt stattdessen aussehen könnte. Ihrer Vision liegt die
Erkenntnis zugrunde, dass auch die bestehenden Demokratien
verwundbar sind, wie wir es in Deutschland oder den USA
gerade erleben, und dass in einer sich rasant verändernden
Welt universelle Werte wie Freiheit und Sicherheit, Rechte und
Pflichten in einer solidarischen Gemeinschaft neu mit Leben
gefüllt werden müssen. Die Idee der Demokratie ist eine
universelle, eine, nach der mündige Bürger:innen weltweit
streben. Dabei geht es um Teilhabe an Entscheidungen über ihr
Leben und das ihrer Nachkommen, um Vertrauen auf Rechte
und Pflichten, die für alle gleichermaßen gelten, um die
Möglichkeit, das eigene Leben in Freiheit und Sicherheit zu
gestalten und ein gewisses Maß an festgeschriebener
gesellschaftlicher Solidarität.
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SLIDE Gender und Demokratie
Wir befinden uns zur Zeit in einer demokratischen Rezession
und erleben, so scheint es, einen Siegeszug des autokratischen
Modells. Zur Zeit befinden sich wieder mehr Menschen in
geschlossenen Autokratien (2,2 Milliarden) als in liberalen
Demokratien (1 Milliarde).
Doch dort, wo Demokratie in Bedrängnis gerät, finden sich
immer wieder bemerkenswerte Formen der Verteidigung
demokratischer freiheitlicher Werte. Die Errungenschaften der
Demokratie werden z. Z. infrage gestellt, doch je mehr das
geschieht, desto mehr Menschen führen sich vor Augen, was
sie ihnen bedeutet. So kann man weltweit eine Tendenz
erkennen, dass überwiegend Frauen an der Spitze zur
Verteidigung der Demokratie stehen: In Belarus, in Polen, im
Sudan und im Iran sind es Frauen, die diese Bewegung
anführen.
Im Iran rufen die Frauen bei ihren friedlichen Protesten „Frau,
Leben, Freiheit“. In Belarus „Freiheit, Gleichheit,
Schwesterlichkeit“. Im Sudan formen die Mitglieder der
Sudanese Feminist Sisterhood die Finger zum Victory-Zeichen.
„Nicht Opfer, sondern Kriegerinnen. Das sind die Frauen
heute“, sagt die iranische Frauenrechtlerin Masih Alinejad. Es
besteht kein Zweifel daran, dass die Frauenbewegung in eine
neue Phase eingetreten ist, in der sie untrennbar mit dem
Kampf für die Demokratie verknüpft ist und dass es diesen
Frauen nicht nur um die Rechte von Frauen als unterdrückte
„Minderheit“ geht, sondern um die Verteidigung und Stärkung
von Freiheitsrechten für Alle.
Es sind interessante Formen der Gleichzeitigkeit, die sich hier
erkennen lassen. Frauen führen politische Bewegungen zum
Schutz freiheitlicher Werte an und sind gleichzeitig in vielen
Ländern der Welt nach wie vor politisch unterrepräsentiert oder
gar unterdrückt. Und diese Bewegungen formieren sich
gleichzeitig in verschiedenen, weit voneinander entfernten
Ländern und Gesellschaften rund um den Globus.
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SLIDE Das Weibliche Gesicht der Revolution
„Auf der ganzen Welt erheben (vor allem) junge Frauen gerade
ihre Stimme gegen Unterdrückung und fordern Veränderung.
Von der globalen Klimakrise, Tote durch Schusswaffen in den
USA bis hin zu Gewalt gegen Frauen in Südafrika: Frauen aus
der Generation der Millenials und der Gen Z sind bereit zu
kämpfen für die Zukunft, die sie verdienen. Heute werden wir
Zeuginnen der ersten von Frauen geführten
Demokratiebewegungen, die sich all der Gleichzeitigkeiten
bewusst sind, die ihre Kämpfe prägen.
Swetlana Tichanowskaja, eine der drei Frauen, die die
Demokratiebewegung in Belarus anführten, sagte im Gespräch
mit Shila „Diese Bewegungen markieren eine neue Ära, in der
Frauen nicht einfach nur Teilnehmende, sondern Anführerinnen
im Kampf um die Demokratie sind. Frauen bringen eine
besondere Perspektive in dieser Rolle mit, eine, die
Empathie, Kollaboration und Gewaltlosigkeit in den
Vordergrund stellt. Das ist entscheidend für diese
Bewegungen, denn es geht ihnen nicht allein darum,
Diktatoren zu stürzen, sondern danach inklusive
Gesellschaften aufzubauen.“
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SLIDE NARGES MOHAMMADI und SHIRIN EBADI
Im Herbst 2022 schaut die Welt in den Iran, in die Hauptstadt
Teheran, nach Srandaj, nach Shiraz nach Balutschistan, in alle
31 Provinzen des Landes. Was dort passiert, sucht
seinesgleichen. Es sind Frauen, die dort Demonstrationen
anführen, die vieles in den Schatten stellen, was das Land
bisher erlebt hat. Ihre Unterdrückung ist der Anstoß für die
größte Protestbewegung im Iran seit 1979. Es sind Frauen und
ihre entblößten Haare, die zum Symbol für Mut geworden sind,
für Freiheit. Für die erste von Frauen angeführte demokratische
Revolution im Iran.
Die Kämpfe für mehr Freiheit, Demokratie und Frauenrechte,
die wir gerade im Iran erleben, haben ihre Vorläufer bereits in
den 1970er-Jahren.
Zu den Frauen, die damals beteiligt waren, zählt auch Shirin
Ebadi, die erste Frau, die im Iran ein Richteramt bekleidete.
Kurz nach der Islamischen Revolution (1979) verlor sie ihren
Posten und emigrierte ins Ausland, wo sie weiter als Anwältin
für ihre Landsleute tätig ist. 2003 wurde sie mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Genau 20 Jahre danach
erhielt auch eine Iranerin, nämlich Narges Mohammadi diesen
Preis. Als sie ihn erhält, ist sie mit ihren 51 Jahren insgesamt 13
Mal verhaftet, fünf Mal zu einer Haftstrafe verurteilt worden, die
sich insgesamt auf 31 Jahre belief. Aktuell ist sie noch immer im
Gefängnis. Den Preis nahmen ihre zwei 18 jährigen Kinder in
Oslo entgegen, die mit ihrem Vater im Ausland leben. Zum
Zeitpunkt der Preisverleihung 2023 hat Mohammadi ihre Kinder
seit elf Jahren nicht mehr gesehen.
Auch in ihrer Haft lässt sie von Aktionen zur Verteidigung der
Menschenrechte nicht ab. Aus der Haft heraus veröffentlicht sie
erneut einen umfassenden Bericht über sexuelle Übergriffe in
iranischen Gefängnissen, der im Dezember 2022 von der BBC
veröffentlicht wird. Aktuell unterstützt sie die „Frau, Leben,
Freiheit“ – Proteste. 2023 veröffentlicht sie ihr Buch White
Torture (weiße Folter) und später sogar einen Dokumentarfilm,
den sie in einer kurzen Atempause zwischen ihren Haftstrafen
gedreht hat.
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SLIDE JINA AMINI
Jina Amini war eine junge Frau, die der kurdischen Minderheit
angehörte, Sie war mit ihrer ganzen Familie zu einem Besuch in
der Hauptstadt und wurde, bei einem Spaziergang mit ihrem
Bruder, von der Sittenpolizei festgenommen und verstarb kurz
danach in der Haft. „Sie war eine ganz normale junge Frau,
keine Oppositionelle, keine, die sich dem Regime bewusst
entgegenstellte. Sondern eine, die Kindern Schwimmunterricht
gab und darauf hinarbeitete, Ärztin zu werden. Sie war eine 22-
Jährige voller Vitalität und Lebensfreude, die in ihrem eigenen
Tempo lebte und ihre Träume verfolgte“. So beschreibt sie eine
Freundin. Dem stand die Realität entgegen, die das Leben im
Iran prägte: Nämlich Angst, Beschränkungen und totale
Kontrolle.
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Auch hier ist die Iranische Revolution ein mustergültiges
Beispiel. Ihre Mittel sind vor allem ikonografischer Natur.
Slogans, Bilder, Musik statt gewaltsamer Straßenkämpfe. In
Solidarität mit den Frauen, die zum Tragen des Kopftuchs
gezwungen werden sollen, gehen zudem Fotos von männlichen
Apothekern viral, die sich hinter ihrem Tresen ebenfalls mit
Hijab fotografieren lassen. Sie waren angewiesen worden,
Frauen ohne Kopfbedeckung nicht zu bedienen – stattdessen
legten sie sich selbst den Hijab an. Die Solidarität in der
Bevölkerung ist groß und breitet sich über den ganzen Iran aus.
Es wird gestreikt, menschenleere Basare mit verriegelten
Ständen, der zivile Ungehorsam, all dies ruft innerhalb des
Landes die hoffnungsvolle Erinnerung wach, dass 1978/1979
das Regime der Palavi-Dynastie gestürzt wurde. Aber das
Mullahregime hat ein Netz von Sicherheitskräften um sich
gesponnen. Geheimpolizeit, Sittenpolizei, und Militär
kontrollieren und bespitzeln sich gegenseitig. Ein einzelner
Überläufer würde sofort unschädlich gemacht, einer ganzen
Gruppe ginge es nicht anders.
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SLIDE MASIH ALINEJAD
Masih Alinejad wurde 1976 in einem Dorf in der Nähe von
Babol im Norden des Irans geboren. Im Jahr 1996 verhafteten
Agenten des Geheimdienstministeriums die schwangere
Alinejad, ihren Bruder und ihren früheren Ehemann, weil sie
Flugblätter verteilt und Graffiti angebracht hatten, die die
Islamische Republik kritisierten. Das Revolutionsgericht klagte
sie an, ohne ihnen einen Kontakt zu einem Anwalt zu
gewähren. Alinejad wurde bald wieder freigelassen, ihr Bruder
und ihr Ehemann verbrachten jedoch zweieinhalb Jahre im
Gefängnis. Sie ging, da sie vorhatte Journalistin zu werden,
nach Teheran. Heuerte dort bei einer reformistischen Zeitung
an, später arbeitete sie für andere Blätter. 2005 deckt sie auf,
dass sich die Parlamentarier regelmäßig üppige Boni
auszahlten, darauf erhielt sie Zutrittsverbot zum Parlament.
2009 berichtet sie über die Proteste nach der Präsidentenwahl
und die darauffolgende “Grüne Revolution”. Danach deckt sie
die Namen von 57 Personen auf, die bei den Demonstrationen
getötet worden waren, obwohl das Regime dies zu verschleiern
versuchte. Nachdem das Regime immer härter gegen
Oppositionelle und Journalist:innen vorgeht, verließen viele den
Iran. Sie emigriert nach London, später in den USA. Bis dato
entging sie 3 Mordanschlägen. 2026 bei einem UN Treffen in
Genf klagt sie an, dass viele europäische Länder in
Geschäftsverbindung mit dem Mullah Regime verwickelt sind
und man im Westen schon viel zu lange dem Morden im Iran
tatenlos zusehe.
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Aber nicht erst seit dem Bestehen der Islamischen Republik,
mehr als 150 Jahre dauert dieser Kampf bereits an. Seit Tahirih
Qurrat’ul Ayn, die Religionsgelehrte und Dichterin, 1852
öffentlich das Kopftuch abnahm und nach Haft und Hausarrest
und einer ausgeschlagenen Heiratsavance durch den Schah
höchstpersönlich, dafür mit eben jenem Stück Stoff erwürgt
wurde.
Tahirih heißt „Die Reine“, Qurrat’ul Ayn bedeutet „Trost meiner
Augen“. Schon diese Bezeichnung für sie, die unter dem
Namen Fatima Bagheri zur Welt kam, mögen in den Ohren
manch einer Feministin fremd klingen. Tahirih jedoch war
Frauenrechtlerin durch und durch, „die erste Feministin ihrer
Nation, die erste Iranerin, die die Gleichheit der Geschlechter
predigte. Ja, predigte, denn sie war auch eine angesehene
Religionsgelehrte und Dichterin, die heute in der Tradition
großer Dichter wie Rumi und Hafiz gesehen wird.
Als sie noch ein Kind war, ließ Tahirihs Vater, ein renommierter
Prediger, sie an seinen Vorlesungen teilnehmen. Weil sie ein
Mädchen war, durfte sie nur hinter einem Vorhang zuhören. Als
erwachsene Frau schloss sie sich einer neuen
Glaubensrichtung dem Babismus an, der für eine Erneuerung
des Islam stand. In dieser neuen Glaubensrichtung wurde
Tahirih zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten. 1848 bei
einem Treffen in der nordöstlichen Stadt Badasht, sollte die
neue Ausrichtung beschlossen werden. Tahirih war als einzige
Frau zugleich eine der vehementesten Verfechterinnen eines
Neubeginns. Zum Zeichen für ihre Überzeugungen nahm sie
inmitten der Runde der Diskutierenden das Kopftuch ab und
forderte damit, dass dieser Neuanfang vor allem die
Gleichstellung von Frauen und Männern bedeuten müsse.
Manch einer, so die Überlieferung, soll von diesem Akt so
schockiert gewesen sein, dass er die Konferenz verließ, einer
soll sich gar selbst die Kehle durchgeschnitten haben, so
unerträglich fand er diesen Anblick.
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Tahirih selbst soll mit dem nun offenem Haar gerufen haben:
“Die Posaune ist ertönt” Eine Referenz an die Offenbarung des
Johannes. Die Posaunen, die von den Engeln angestimmt
werden, um das jüngste Gericht anzukündigen. Für Tahirih war
Gleichstellung der Frauen, der Prüfstein, an dem sich die
Zukunft ihrer Religion entscheiden würde. Als Schriftgelehrte
erhob sie das Prinzip der Gleichwertigkeit der Geschlechter zu
einem religiösen Grundsatz. Damit legte sie den Finger auf den
vermeintlichen Konflikt von Emanzipation und Religiosität und
löste ihn zugleich auf: Indem sie das Kopftuch in genau dem
Moment abnahm, in dem sie ihre Auslegung der aktuellen
Glaubensdebatte präsentierte, setzte sie beides in einen
direkten Kontext zueinander, markierte den Punkt, an dem die
Veränderung beginnen sollte, und legte zugleich einen
Gegenentwurf für die Zukunft vor. Ihr Akt sollte demonstrieren,
dass es für eine Frau keinen Widerspruch mehr gebe zwischen
ihrer Selbstbestimmung und ihrem religiösen Bekenntnis.
Gleichstellung als spirituelles Konzept – vor diesem Hintergrund
ist es tatsächlich egal, ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht,
solange sie es freiwillig tut.
Ohne von ihnen zu wissen, legte Tahirih das Kopftuch in genau
jenem Sommer ab, in dem es an einem anderen Ende der Welt
zur ersten Zusammenkunft der Suffragetten kam, bei der
Konferenz von Seneca Falls im Juli 1848. Erst nach Tahirihs
Tod hörten westliche Frauenrechtlerinnen von ihr.
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Tahirihs Leben endete mehr als tragisch. Sie wurde mit ihrem
eigenen Kopftuch erdrosselt, weil sie es zuvor abgenommen
hatte und folgenden Satz rief: „Sie können mich töten, sobald
es ihnen beliebt, aber es wird ihnen nicht gelingen, die
Emanzipation der Frau aufzuhalten.“ Tahirihs eigene Botschaft
1852 an ihre Peiniger in ihrer Todesstunde ist ihr Vermächtnis
an die Menschheit und gleichzeitig eine Prophezeiung für die
nächsten tausend Jahre.
SLIDES und LIED Baraye