Bahá’í International Community – PERSPEKTIVEN

ES WIRD ZEIT, ÜBER MACHT ZU SPRECHEN

Von Saphira Rameshfar

New York, 22.März 2019

Die Frauenrechtskommission (FRK) – die größte Versammlung der Vereinten Nationen zu Geschlechtergerechtigkeit – ist ein bedeutungsvoller Ort, beeindruckend in seiner Größe und den unterschiedlichsten Veranstaltungen zur Teilnahme und für die Begegnung mit Menschen. Es entfaltet sich ein großartiger Anblick menschlicher Vielfalt. Nationale Trachten stechen ins Auge. Wunderschöne und herzzerreißende Abbildungen in den Hallen der Vereinten Nationen rütteln die Sinne auf. 

Aber es gab einen weicheren, leiseren Augenblick während der FRK, der sich für mich besonders hervorhob. Die Internationale Bahá’í Gemeinde (BIC) richtete gerade – gemeinsam mit Frauen aus Graswurzel-Projekten, lokalen Aktivistinnen und einer Vertreterin der Weltbank – einen Dialog über die Rolle der Erziehung und Bildung bei der Entwicklung von Geschlechtergerechtigkeit aus. Da hob eine teilnehmende Frau ihre Hand und teilte einige Gedanken darüber, wie aufregend und erfrischend es sei an einer Veranstaltung teilzunehmen, die uns half zu überprüfen, wie das bestehende System und die gesellschaftlichen Strukturen neu gedacht werden können. 

„Die Art, wie wir die Dinge bisher handhabten, hat uns bis zu diesem Punkt gebracht. Ich glaube, wir müssen völlig umdenken, wenn wir darüber hinauskommen wollen,“ sagte sie. 

Ich stimmte mit ihrem Gedanken überein, ertappte mich aber bei der Frage, warum gerade dies ein so außergewöhnlicher Dialog war. Schließlich hob eine Veranstaltung nach der anderen die Rückschritte hervor, die Frauen auf der ganzen Welt erleben – die Gegenbewegung gegen weibliches Erstarken, die Zurückweisung der Ideale von Gleichberechtigung.  Wenn ein System vorherrscht, das dich derart hart für Erträge arbeiten lässt, nur um dem Risiko ausgesetzt zu sein, durch eine einzige politische Verschiebung alles zu verlieren, ist es dann nicht offensichtlich, dass im Zentrum unserer Diskussion und unseres Blickfeldes die Entwicklung eines Systems stehen sollte, das nicht so leicht durch Eigeninteresse und Angst manipuliert werden kann?

Ein vorherrschendes Thema, das mir in der ersten Woche der diesjährigen Kommission auffiel, kreiste um Macht. Die Gespräche schienen nahezulegen, dass Macht eine begrenzte Ressource sei, die eine Gruppe der anderen wegnehmen müsse. Dieses Null-Summen-Konzept von Macht wirft ein wenig Licht darauf, warum manche – insbesondere diejenigen mit Macht – diese so zögerlich an die Machtlosen abgeben. Aber dieses Bild von Macht, verwurzelt in einem System von Konflikt und Streit, steht im Gegensatz zu meiner eigenen Auffassung davon. Dieses Verständnis von Macht benutzt den Begriff in etwa austauschbar mit Leistungsfähigkeit, und diese Fähigkeit wird oft als Herrschaft und Unterdrückung charakterisiert. Aber ich sehe Macht als eine unbegrenzte Ressource, die man einsetzen kann, um damit Großes in der Welt zu bewirken. Wenn diese Fähigkeit, etwas zu bewirken, für schändliche Ziele genutzt wird, dann ist dies in meinen Augen keine wahre Macht. Das ist Gewalt und Zwang, die mit der Bezeichnung Macht verherrlicht wurden, denn tatsächlich zeigt sie eine Schwäche des menschlichen Charakters und einen Fehler der gesellschaftlichen Ordnung. 

Wahre Macht – die Macht, die erhöht, die für ein größeres Ganzes verbindet, die Macht, gerecht zu sein, Güte zu zeigen,  durchzuhalten, umzugestalten – diese Macht kann nicht nur von Individuen oder Gruppen, sondern von ganzen Gemeinwesen und sogar von der ganzen Menschheit erschlossen werden. Diese Art der Macht, die ich der geistigen Dimension des Lebens zurechne, kann außerdem freigesetzt werden, und dies ist die Art von Macht, die ich mit Ermächtigung, mit Empowerment in Verbindung bringe. Wenn ein Konzept von Macht in der Art erweitert ist, dass es die Fähigkeiten zu Einheit und Integration beinhaltet, die kollektiven Wohlstand und Wohlergehen hervorbringen, dann muss die Vorstellung von Regieren, Autorität und Legitimität ebenfalls ausgeweitet werden. 

Alle, die sich für die Entwicklung von Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, sind an einem entscheidenden Punkt angelangt. Während wir uns auf das historische 25-jährige Jubiläum der Beijing-Aktionsplattform im nächsten Jahr vorbereiten, liegt eine besondere Gelegenheit vor uns, den Dialog rund um Macht und Ermächtigung neu zu gestalten. Werden wir uns wie bisher darauf konzentrieren, ein System aufrechterhalten, das uns so oft enttäuscht hat, oder wollen wir unsere Energie, unsere Zeit und unsere Ressourcen darauf lenken, um ein neues System zu gestalten, das die Macht hat, uns alle zu beflügeln?

Saphira Rameshfarist eine Repräsentantin der Internationalen Bahá’í-Gemeinde bei den Vereinten Nationen und dient im Vorstand des NRO-Komitees der Frauenrechtskommission und als Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe Mädchen.

Quellehttps://www.bic.org/perspectives/perspective-its-time-new-conversation-power

Bahá’í International Community: www.bic.org

Die vollständige Stellungnahme der Internationalen Bahá’í-Gemeindean die Frauenrechtskommission der vereinten Nationen können Sie hier lesen: https://www.bic.org/sites/default/files/creating_the_world_anew_bic_csw63_statement_2.pdf